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Der verletzte Mensch

 

7Im Laufe unseres Lebens werden wir alle zu Experten: Ausgrenzung, Verrat, Demütigung, Vertrauensbruch, Gleichgültigkeit. Jeder hat schon verletzt. Jeder wurde schon verletzt. Ein unbedachtes Wort kann eine Kindheit zerstören. Eine kleine Unachtsamkeit zu einem Wundbrand in der Seele des anderen führen. Manchmal verletzen wir uns auch selbst, indem wir uns aus mangelndem Mut oder falschem Stolz von unserem Ursprung und unseren eigenen Bedürfnissen trennen.

Mit viel Einfühlsamkeit und ohne Scheu vor Tabus entfaltet Andreas Salcher eine Landkarte der verborgenen Verletzungen und fragt: Was unterscheidet Menschen, die an ihren Wunden zerbrechen, von jenen, die sogar daran wachsen? Wie können wir verhindern, dass die Angst vor weiteren Verletzungen unsere Sehnsucht nach Liebe erstickt?

Langzeitstudien zeigen, welche Schutzfaktoren Menschen dabei helfen können, auch die schmerzhaftesten Prüfungen des Lebens zu bewältigen. Diese Ergebnisse stimmen in verblüffender Weise mit den Erkenntnissen einiger der bedeutendsten Denker, spirituellen Lehrer und Wissenschaftler überein, die an diesem Buch mitgearbeitet haben. Versöhnen Sie sich selbst und mit der Welt. Denn in Ihrer tiefsten Verletzung liegt Ihr größtes Talent.

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DER VERLETZTE MENSCH wurde mit dem Platin Buch für mehr als 50.000 verkaufte Exemplare in Österreich ausgezeichnet.

 

 

Leseprobe 1

Das Wichtigste gleich am Anfang: Der verletzte Mensch beginnt mit subtilen Verletzungen – die Schule des Herzens beginnt mit Wachsamkeit.

Der erste Teil dieses Buches soll einige „Gefahrenzonen“ aufzeigen, in denen Menschen verletzt werden können. Diese beginnen mit der Geburt, setzen sich dann in der Kindheit, in der Schule und am Arbeitsplatz fort. Liebe, Kränkungen, Trennungen und der Kampf um die gemeinsamen Kinder können zu schweren Verletzungen führen. Was wir mit dem Abschieben und der Demütigung der Alten in unserer Gesellschaft verursachen, merken wir oft erst, wenn wir davon durch unsere Eltern betroffen sind. In manchen Geschichten werden Sie sich wiederfinden, manche werden Ihnen völlig fremd sein. Das Ausmaß möglicher Verletzungen und die Stadien der Schmerzen sind unvorstellbar. Nie hätte ich mir gedacht, wie viele tiefe seelische Verletzungen es selbst in meinem unmittelbaren Freundeskreis gibt. Und wie sehr diese den Lebensweg meiner Freunde beeinflusst haben. Am Anfang von Verletzungen stehen die kleinen Unachtsamkeiten.

Das Vorurteil: Du wirst es nicht schaffen. Du bist einfach zu dumm. Du bist ein Versager. Mit jeder Wiederholung dieses Vorurteils verfestigt es sich und wird zu einer Verurteilung eines Unschuldigen. Der Vergleich: In den ersten Lebensmonaten lieben fast alle Eltern ihre Kinder vorbehaltlos. Dann kommt die Zeit des Vergleichens. Welches Kind läuft zuerst? Welches Kind spricht zuerst? Welches Kind ist schöner? Welches Kind ist geschickter?

Die Bewertung: Mit dem Schuleintritt wird das Vergleichen scheinobjektiviert und systematisiert. Wer hat nur „sehr gut“? Wer hat kein „nicht genügend“? Wer ist der Beste in Mathematik? Wer fällt durch? Wer hat die schickeren Klamotten?

Natürlich führt nicht jede einzelne Unachtsamkeit, jede Benachteiligung, jede Ungerechtigkeit zu einer Verletzung. Wir sterben auch nicht gleich, wenn wir uns einmal in den Finger schneiden und ein bisschen bluten. Es ist der Mechanismus, der dahintersteckt, der uns zu Tätern und zu Opfern macht. Als Opfer leiden wir dann, wenn jemand immer wieder unseren wunden Punkt trifft. Als Täter fügen wir jemandem wie mit einer Tätowiernadel hunderte winzige Verletzungen zu, die in der Summe zum Beispiel das Tattoo eines Versagers ergeben. Tattoos auf der Haut lassen sich nicht einfach abwaschen. Tattoos auf der Seele prägen häufig Lebenswege von Menschen.

Es ist die Summierung der vielen kleinen Verletzungen immer an der gleichen Stelle, die zu schweren Wunden führen. An der Summe aller Lieblosigkeiten und abschätzigen Bemerkungen erstirbt dann eine Beziehung. Aus der Anhäufung von Vorurteilen bauen sich Konflikte zwischen ganzen Nationen auf. Dann reicht ein harmloser Anlass für die blutige Scheidung oder den Krieg der Völker. Es fängt immer klein an.

Freilich können wir nicht das Unrecht aus der Welt verbannen und uns für alles verantwortlich fühlen. Aber wir können jeden Tag die Entscheidung treffen, nicht zu verletzen. Oft helfen einfache Fragen: Ist das gut für mich selbst? Ist das gut für den anderen? Würde ich dieses Verhalten für mich selbst akzeptieren?

Im zweiten Teil „Sieger und Verlierer“ steht der richtige Umgang mit den eigenen Verletzungen im Zentrum. Wir werden der Frage nachgehen, warum manche Menschen an scheinbar kleinen Verletzungen zerbrechen und andere viel tieferes, ja teilweise unvorstellbares Leid überwinden können. Ein entscheidendes Kriterium der Bewältigung ist, welchen Sinn wir unseren Verletzungen geben. Davon hängt ab, ob wir aus unseren tiefsten Verletzungen unser größtes Talent entwickeln können.

Im dritten Teil geht es um die Kunst, sich selbst und andere nicht zu verletzen. Der Benediktinermönch David Steindl-Rast wird uns lehren, wie wir auch in der Hast des Alltags unsere Sinne und vor allem unser Herz öffnen können. Ein offenes Herz wird immer auch ein verletzbares Herz sein. Und nur ein verletzbares Herz kann ein liebendes Herz sein. Die Lehren des Glücksforschers Mihaly Csikszentmihalyi zeigen uns, wie wir die Glücksfähigkeit in uns selbst und bei unseren Kindern steigern können. Bill Strickland beweist uns mit seinen Schulen in den gefährlichsten Ghettos, wie man die Welt mit konkreten Projekten auch unter schwierigsten Umständen verändern kann. „Die Schule des Herzens“ soll jeden von uns dazu verführen, ein bisschen ein besserer Mensch zu werden.

Leseprobe 2

Ein kaputtes Fahrrad, ein gebrochenes Versprechen und seine Folgen

Ein kleiner Junge, der kein Wort Englisch sprach, kam als Immigrant in die USA. Sein Vater sparte zwei Jahre lang, um ihm sein erstes Fahrrad zu kaufen. Als er das erste Mal damit ausfuhr, kam es zu einem Unfall mit einem Auto. Das Fahrrad wurde dabei schwer beschädigt und der Junge ziemlich verletzt. Die Frau, die den Wagen gesteuert hatte, war Ärztin in einen Krankenhaus und sagte zu ihm, dass er mit niemandem über den Unfall reden sollte und sie sich dafür in ihrem Krankenhaus um ihn kümmern werde und ihm auch ein neues Fahrrad kaufen werde. Sie rief auch die Eltern des Jungen, die kein Wort Englisch sprachen und die dieser Vorgangsweise zustimmten. Nach zehn Tagen im Krankenhaus war der Junge wieder einigermaßen genesen. Als er das Krankenhaus verlassen wollte, forderte man ihn auf, die Kosten für den Aufenthalt zu zahlen. Er verwies auf das Versprechen der Ärztin, dass seine Behandlung nichts kosten werde. Die Ärztin erinnerte sich aber plötzlich nicht mehr daran. Er bekam auch kein neues Fahrrad, sondern seine Eltern mussten noch ein Jahr sparen, um das alte reparieren zu lassen.

Was hatte dieses schreiende Unrecht bei dem kleinen Jungen ausgelöst? Er zog für sich den Schluss: „Wenn du ein Land und seine Gesetze nicht kennst, seine Sprache nicht sprichst, dann wirst du noch viele Probleme bekommen.“ Er übernahm also die Verantwortung für das, was passiert war, und entschied, einmal Anwalt zu werden. Diese Geschichte ist völlig typisch für alle Lebensläufe derjenigen, die sich später erfolgreich behaupten konnten. Die Erfolgreichen erkannten jedes Missgeschick als ein Problem, das man lösen konnte nach dem Motto: „Okay, shit happens, was kann ich jetzt daraus lernen?“ Die Gescheiterten hingegen führten die negativen Ereignisse in ihrem Leben auf die schlechte Natur der Mitmenschen zurück oder interpretierten sie als Verschwörung des Schicksals gegen sie. Sie fühlten sich als ohnmächtige Opfer und nicht als selbstbestimmt handelnde Individuen. Denn wie leicht hätte der kleine Junge mit dem kaputten Fahrrad sagen können: „So sind reiche Menschen eben, und ich bin nun einmal arm“ oder „Frauen sind so“ oder „Fahrräder sind gefährlich, daher fahre ich nie wieder Fahrrad“ oder „Ärzte sind so“ oder … Er zog aber den Schluss, dass sein Problem mit der mangelnden Kenntnis von Immigranten über ihre Rechte zu tun hatte. Viel später in seinem Leben wurde er der Verantwortliche für die Rechte von Minderheiten und Immigranten im Kabinett von US-Präsident Harry Truman.

Mihaly Csikszentmihalyi und viele andere Forscher haben herausgefunden, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die Armut, Schicksalsschläge und negative Kindheitserfahrungen nie wirklich bewältigen konnten und im Leben erfolglos blieben. Sie erzählten später als Erwachsene im Rückblick Dinge wie: „Ja, mein Vater war immer betrunken, daher waren wir arm und ich konnte nicht studieren.“ Das heißt, sie machten andere oder die Umstände für ihr Scheitern verantwortlich. Der kleine Junge in der Geschichte dagegen konnte die Kränkung, die ihm angetan wurde, von seiner Person trennen, zog die richtigen Schlüsse daraus und wollte anderen in Zukunft dabei helfen, dass ihnen nicht das Gleiche passieren möge. Das ist, wie wir noch öfter sehen werden, ein Muster, das sich durch die Biografien von vielen Menschen zieht, die aus einer Verletzung eine menschliche Qualität entwickeln konnten.

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