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Alles oder nichts – Der große Wurf der Päpste

 

Dieses Buch versteht sich als „Science Faction“ – nicht „Science Fiction“. Es erzählt die Geschichte der Welt von heute bis in das Jahr 2035 aus der Perspektive von Papst Franziskus und seiner Nachfolger. Die nächsten zwanzig Jahre ringt die Menschheit um eine Versöhnung von Wissenschaft und Spiritualität. Fundamentalismus und Gotteskrise, künstliches Leben, Umweltkatastrophen und Aufstände sind nur einige der Herausforderungen unserer Zeit und der vor uns liegenden zwei Jahrzehnte. Wer wird in Zeiten der gewaltigen Umbrüche für Orientierung sorgen?

Das von Andreas Salcher gemeinsam mit dem Mediziner und Theologen Johannes Huber entworfene  Szenario basiert auf 80 Gesprächen mit Insidern der Kirche, darunter einflussreichen Kurienkardinälen, Bischöfen, Äbten, Theologen, Jesuitenpatres aus fünf Kontinenten, langjährigen Vatikanjournalisten ebenso wie einfachen Priestern und Ordensschwestern. Unter der Zusicherung völliger Vertraulichkeit überraschten viele Gesprächspartner mit geradezu revolutionären Gedanken über die Zukunft der Kirche. Diese werde in 20 Jahren weiblicher, jesuitischer und spiritueller sein – oder sie werde nicht mehr sein.

 

 

Leseprobe 1
Der erste Papst aus den USA trägt Hosen und zieht in den Vatikanpalast
Angekündigt durch die berühmte Formel „Ich verkündige euch große Freude: Wir haben einen Papst! Den herausragendsten und hochwürdigsten Herrn Thomas, der Heiligen Römischen Kirche Kardinal Gleeson, welcher sich den Namen Franziskus II. gegeben hat“, trat der 69-jährige US-amerikanische Kardinal und Erzbischof von Chicago Thomas Gleeson auf den Balkon des Petersdoms und brach gleich mit einer Tradition. Nach den ersten Sätzen in Italienisch wechselte er übergangslos ins Englische, was unter dem mehrheitlich des Italienischen unkundigen Publikums auf dem Petersplatz Applaus auslöste. Die katholische Kirche war endgültig im 21. Jahrhundert angekommen. Das signalisierte Gleeson auch bei seinen ersten öffentlichen Auftritten nach seiner Wahl.
Er behielt zwar die traditionelle weiße Kleidung des Papstes bei, trug jedoch statt der Soutane weiße Hosen. Nur bei liturgischen Anlässen wie der Messe kleidete er sich, wie man das bisher von einem Papst gewohnt war, mit einer weißen Soutane unter dem Messgewand. Die öffentliche Diskussion, die er damit wohl nicht ganz unbeabsichtigt auslöste, überlagerte eine andere Entscheidung, die er traf. Während die Menschen über weiße Hosen diskutierten, zog er im Gegensatz zu seinem Vorgänger wieder in die päpstlichen Amts- und Privaträume im Vatikanischen Palast. Er begründete das ganz pragmatisch damit, dass sein Platz dort sein sollte, wo seine Mitarbeiter arbeiteten. Außerdem habe man ihm bei seiner Abreise aus Chicago ein Zimmer mit einem wunderschönen Blick über Rom versprochen, fügte er noch scherzend hinzu.
Gleesons Vorfahren waren irischer Abstammung und einige Kommentatoren sahen darin eine versöhnliche Geste an Europa. Die Wahl eines Amerikaners kam für viele überraschend, gar nicht wenige waren sogar entsetzt. Es gab starke Argumente, warum es die Kardinäle nicht wagen würden, einen Repräsentanten des noch immer mächtigsten Landes der Welt zum Papst zu wählen. Die USA verteidigten ihre Vormachtstellung in der Welt gegenüber China und Indien, die USA wurden von weiten Teilen der islamischen Welt als imperialistische Bedrohung ihrer traditionellen Lebensform gesehen. Ganz leicht konnte daher die katholische Kirche mit einem amerikanischen Papst unvermeidlich in einen Kulturkampf westlicher gegen östliche Werte hineingezogen werden.
Noch stärker wog eine andere Gefahr: Die katholische Kirche in den USA, noch immer reich an Mitgliedern, war seit Jahrzehnten mit gewaltigen Prozessforderungen von weit über 10.000 Missbrauchsopfern konfrontiert. Bis 2019 wurden mehrere Milliarden Dollar Schadensersatz an anerkannte Opfer gezahlt, die Kirche befand sich in einem finanziell völlig ausgezehrten Zustand. Im Zuge der Prozesse hatte eine Reihe amerikanischer Diözesen Insolvenz anmelden müssen, weil die Schadensersatzforderungen der Opfer nicht mehr bedient werden konnten. Insgesamt elf US-Diözesen und mehrere Männerorden waren in Konkurs gegangen. Es herrschte daher die Befürchtung, dass die Wahl eines amerikanischen Papstes eine neue Welle an Klagen auslösen könnte, die nicht nur die US-Kirche, sondern auch den Vatikan in seiner Existenz bedrohen würde. Das US-Rechtssystem war nicht zu Unrecht weit über seine Grenzen hinaus für seine exorbitanten Schadenssummen für Opfer bekannt. Es musste daher wohl in der Person von Thomas Gleeson gelegen haben, warum sich das Konklave über diese Befürchtungen hinweggesetzt hatte.
Ein spät berufener Junggeselle erweist sich als Brückenbauer in Chicago Gleeson war ein Spätberufener, der Rechtswissenschaften an der elitären Yale University studiert hatte, die immerhin fünf US-Präsidenten zu ihren Absolventen zählen durfte. Trotz dieser hervorragenden Voraussetzungen für eine hoch bezahlte Position entschied er sich in seinen ersten beiden Berufsjahren als Lehrer, in einer Schule in Dorchester zu arbeiten, einem Stadtteil von Boston, in dem Jugendliche sich wegen einem Paar Turnschuhen gegenseitig umbrachten. Einem Journalisten gelang es, einen ehemaligen Schüler des neu gewählten Papstes zu finden und ihn zu fragen, was denn Thomas Gleeson als Lehrer besonders gemacht hatte. Der frühere Schüler erinnerte sich an eine Begebenheit: „In unserer Schule gab es wirklich einige sehr schwierige und auch gefährliche Typen. Ich selbst war auch nicht gerade einfach und hatte wieder einmal etwas ausgefressen. Nachdem Gleeson mir ins Gewissen geredet hatte, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und fragte ihn, wann er denn wissen würde, ob ich es schaffen könnte, ein besserer Mensch zu werden. Darauf antwortete er mir: ‚Das ist ganz einfach. Wenn Du das erste Mal wirklich glaubst, dass wir Dich trotz aller Deiner Fehler lieben.‘“
Nach seiner Zeit als Lehrer in Boston wechselte Gleeson in die Rechtsanwaltskanzlei Barney & Pittner & Partner in Chicago, die sich auf die Verteidigung von sozial benachteiligten Ersttätern spezialisierte, bis er mit 31 Jahren ins Priesterseminar eintrat und fünf Jahre später zum Priester geweiht wurde. Den Wunsch, Priester zu werden, hatte Thomas Gleeson öfter verspürt, dieser trat aber immer wieder gegenüber seinen anderen vielseitigen Interessen in den Hintergrund. „Bei mir gab es nicht das eine große Damaskus-Erlebnis wie bei Paulus, sondern die Stimme Gottes rief mich immer lauter, bis ich mich ihr nicht mehr entziehen konnte“, sagte er einmal in einen Interview, als er zum Erzbischof von Chicago berufen wurde.
Dass er als unverheirateter und durchaus attraktiver Mann Beziehungen zu Frauen gehabt hatte, war offenkundig. Da er selbst daraus kein Geheimnis machte, gab es auch bis zu seiner Wahl zum Papst keines aufzudecken. Auf die Frage, ob er Kinder aus der Zeit vor seiner Berufung hätte, antwortete er als Erzbischof seiner Diözese immer klar mit „Nein“. Trotzdem wurde dieses Thema von jenen Kräften im Konklave, die ihn verhindern wollten, als Waffe benutzt. Die Frage „Was wäre, wenn eine Frau den neuen Papst auf Vaterschaft ihres Kindes klagen und ein Gericht einen Test durchsetzen würde?“ spielte in den Gesprächen der Kardinäle hinter vorgehaltener Hand ab dem Moment, als sich immer klarer abzeichnete, dass Gleeson die erforderliche Zweidrittelmehrheit im Konklave hinter sich brächte, sehr wohl eine Rolle.
Gleeson galt als politischer Kopf, der einerseits die Konfrontation mit politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern in sozialen Fragen nicht scheute, andererseits mit viel Fingerspitzengefühl seine in viele ethnische Gruppen aufgesplitterte Diözese Chicago versöhnt hatte. Auch wenn die US-Kirche für Außenstehende wie ein monolithischer Block wirkte, glich sie in Wahrheit vielmehr der bunten Weltkirche. Die USA waren immer ein Land der Einwanderer. Das Festhalten an der Religion ihres Ursprungslandes half den Migranten, die Kluft zwischen der alten und der neuen Heimat besser zu bewältigen. Wenn die „neuen Amerikaner“ im 19. und 20. Jahrhundert ihren katholischen Glauben importierten, dann verstanden sie sich immer als deutsche, französische, polnische, österreichische, irische, oder italienische Katholiken. In den letzten Jahrzehnten verstärkte sich das lateinamerikanische Element unter den Einwanderern. Das war auch der Grund, warum Gleeson Spanisch lernte und die Sprache nach drei Jahren fließend beherrschte.
Die amerikanische katholische Kirche verfügte über keine gewachsene eigene Identität, sie war aber doch die noch immer größte Einzelkirche innerhalb der christlichen Gemeinschaften der USA. Interessanterweise bestand die zweitgrößte christliche Gruppierung aus ehemaligen Katholiken, die aber oft zu den Pfingstkirchen abgewandert waren. Die Evangelikalen predigen vor allem Disziplin und das Befolgen einfacher Rezepte. Das sahen viele Amerikaner als wichtigen Faktor für Erfolg im Leben: Wenn Du erfolgreich bist, bist Du von Gott ausgewählt; wenn Du versagst, bist Du selbst schuld. Gleeson wusste, wie anfällig die Menschen für einfache Botschaften und falsche Heilsversprechen waren.
Als Erzbischof von Chicago lernte Gleeson schnell, sehr offen mit diesen unterschiedlichen Wurzeln umzugehen, um sie alle unter einem Dach unterbringen zu können. So wurde der katholische Sonntagsgottesdienst in Chicago in über 20 Sprachen angeboten und im Vergleich zu anderen amerikanischen Städten auch gut besucht. Selbst wenn sie sich lange Zeit von der Kirche abgewandt hatten, kehrten oft gerade Kinder von Emigranten in die Kirche zurück, sobald ihr eigenes erstes Kind geboren war. Sie wollten es taufen lassen und mit bestimmten vertrauten Werten in einer unsicheren Welt erziehen. Meist waren die Mütter die treibenden Kräfte hinter dieser Entwicklung. Erzbischof Thomas Gleeson wusste die Mütter darin zu bestärken. Sein erstes Zeichen als neuer Papst würde ebenfalls den Frauen gelten. Und es sollte mehr als eine leere Geste sein.
Leseprobe 2
Rosa Rauch über der Sixtinischen Kapelle im November 2027
Intern versuchten einige Kardinäle und Bischöfe Franziskus II. davon zu überzeugen, dass Anna Marie Motamura untragbar geworden sei. Diese war völlig verzweifelt, weil sie sich für das Desaster verantwortlich fühlte, das sie unbeabsichtigt ausgelöst hatte. Mit ihrer unvorsichtigen Bemerkung gefährdete sie die ausgeklügelte Strategie von Papst Franziskus II. Der hatte von Beginn an gewusst, dass man beim Thema mehr Einfluss für Frauen in der Kirche keine Veränderungen gegen den Widerstand einer gut organisierten Minderheit durchsetzen konnte, ohne ein unvertretbar hohes Risiko bis zur Kirchenspaltung einzugehen. Es ging ihm darum, sich an das Mögliche heranzutasten, mit gerade noch zumutbaren Erneuerungen anzufangen, um so die Zögerlichen daran zu gewöhnen, dass sich Dinge auch tatsächlich verändern konnten. Mit der Bestellung von Motamura und Yin, die sich noch dazu beide in ihren Positionen bestens bewährten, hatte er viele Pluspunkte bei Frauen gesammelt, ohne seinen Gegnern eine zu große Angriffsfläche zu bieten.
Dieses mühsam errichtete Kartenhaus einer stärkeren Rolle der Frau in der Kirche drohte jetzt einzustürzen. Denn während die Fraktion der Traditionalisten Aufwind verspürte und ihn auch nutzte, um den Rücktritt von Motamura zu erzwingen, wurde Letztere gleichzeitig zur Hoffnungsträgerin aller Reformkräfte in der Kirche und zur Ikone der Frauen. Dieses Dilemma war der Grund, warum der Papst das Rücktrittsangebot von Motamura nicht annehmen konnte, jedenfalls nicht sofort. Er schlug ihr vor, dass sie sich einige Monate aus dem Schussfeld zurückziehen sollte, um dann eine andere wichtige Aufgabe innerhalb der Weltkirche wahrzunehmen, möglichst weit weg von Rom.
Franziskus II. unterschätzte dabei die Dynamik, die das Thema mittlerweile gewonnen hatte. Unablässig wurde darüber öffentlich spekuliert, ob der Papst jetzt endlich den Frauen gleiche Rechte geben werde oder Motamura einfach wie eine heiße Kartoffel fallen ließe. Das öffentliche Abtauchen der Präfektin der so wichtigen Verkündigungskongregation erwies sich als keine gute Idee. Die traditionserprobte Verteidigungsstrategie vieler Päpste, schweigen und abwarten, war im 21. Jahrhundert zum Scheitern verurteilt.
Am Freitag, den 26. November hackte die feministische Initiative „Las Meninas“ deren Name sich als Anspielung auf das berühmte Gemälde „Die Hoffräulein“ des spanischen Malers Diego Velázquez verstand, die Website des Vatikans. Die Website zeigte auf einmal im Hintergrund den berühmten Schornstein über der Sixtinischen Kapelle, aus dem Rauch in rosa Farbe aufstieg. Davor prangten die Worte „Die Kirche und ihre verleugneten Frauen“. Es folgten kurze Porträts von Frauen beginnend mit Maria Magdalena, dann Junia, der berühmten Apostelin der Urkirche, Phöbe, der Vorsteherin einer frühen christlichen Gemeinde, Lydia, der ersten Christin Europas und anderen bekannten Frauen der Kirchengesichte. Nach zwei Minuten blendete sich dann groß das Foto von Anna Marie Motamura ein – versehen mit der Überschrift „Die verschwundene Verkünderin des Glaubens“. Die Computerexperten des Vatikans brauchten nach der Entdeckung des Angriffs 25 Minuten, um wieder die Kontrolle über die Website zu gewinnen. Diese Zeit reichte aus, um die gehackte Seite in allen Netzwerken einem großteils amüsierten Millionenpublikum zugänglich zu machen. Noch am selben Tag riefen mehrere Frauengruppen, Verbände feministischer Theologinnen und andere Reformgruppen dazu auf, das Angelus-Gebet des Papstes am kommenden Sonntag zu einer Demonstration für Anna Marie Motamura zu nutzen. Der Spruch einer amerikanischen Theologin ging um Welt: „Offensichtlich ist es wahrscheinlicher, dass im Jahr 2035 Menschen auf dem Mars siedeln werden, als dass es Frauen als Priesterinnen in der katholischen Kirche geben wird.“
In einem Telefonat ersuchte Frau Motamura Franziskus II. nochmals dringend, sie von ihrer Aufgabe zu entbinden, sie sei dem Druck einfach nicht mehr gewachsen und wolle dem Papst nicht schaden. Im Kreis seiner Vertrauten war die Stimmung eindeutig. Franziskus II. müsse das Gesetz des Handelns jetzt unbedingt wieder an sich reißen. Am Sonntag, den 28. November nach dem Angelus-Gebet reagierte Franziskus II. endlich. Er dankte Anna Marie Motamura in bewegten Worten und gestand, dass er ihren mehrmaligen heftigen Bitten, sie von der Aufgabe zu entbinden, nachgegeben hätte. Es werde aber kein Zurückweichen, sondern nur ein mutiges Voranschreiten beim Ausbau der Verantwortung von Frauen geben. Das beträfe alle kirchlichen Positionen, die nicht an eine Weihe gebunden seien, schränkte der Papst ein. Danach berief er die Italienerin Eva Pagina, Mitglied der Gesellschaft der heiligen Ursula, die bisher schon als Sekretärin der Ordenskongregation ganz weit oben in der vatikanischen Hierarchie gestanden war, an die Spitze der Kongregation zur Verkündigung der Frohen Botschaft. Gleichzeitig kündigte er die Einsetzung einer Kommission von Kardinälen, Bischöfen sowie von Laienexperten, darunter auch Theologinnen, an, die sich mit der Stellung der Frau in der Kirche der Zukunft beschäftigen sollte.
Die Reaktionen auf die Vorgangsweise von Franziskus II. waren großteils negativ, oft mit zynischem Beigeschmack. Der allgemeine Tenor sah keine Lösung in Sicht, sondern nur die uralte Verzögerungstaktik des Vatikans bei heiklen Themen. Die „New York Times“ schrieb einen Leitartikel mit dem Titel: „Franziskus II. und die Frauen – eine traurige Geschichte“. Alles deute darauf hin, dass die Auseinandersetzungen an Schärfe gewinnen würden. Jeder Versuch, den Kampf um die volle Gleichwertigkeit der Frau innerhalb der Kirche zu begraben, würde die engagierten Frauen in die Resignation treiben und die Mehrheit in ihrer Gleichgültigkeit bestärken. Am Ende zitierte der Artikel eine aktuelle Umfrage, die den Absturz der Beliebtheit von Papst Franziskus II. in den USA von seinem Höchstwert von 70 Prozent auf 31 Prozent auswies. Das folgende Jahr sollte noch schlimmer werden.
Leseprobe 3
Warum glaubt der eine, der andere jedoch nicht? Aussuchen kann man sich das leider nicht?
Aussuchen kann man sich das leider nicht. Religiöse Menschen empfinden es als Gnade, glauben zu dürfen. Naturwissenschaftlich gesehen gibt es zwar höchst wahrscheinlich kein „Gottesgen“, aber wir werden in drei Perioden unserer Entwicklung entscheidend geprägt: in der Schwangerschaft, in den ersten Lebensjahren und in der Pubertät. Vor allem im dritten biologischen Fenster, der Pubertät, formt sich unsere Einstellung zu wesentlichen Themen wie Sexualität und eben auch Religion. Die Eltern können dabei eine Rolle spielen, es gibt aber auch genug Beispiele gläubiger Eltern mit nichtglaubenden Kindern und umgekehrt. Die Epigenetik, also der Anpassungsprozess unseres Erbguts an seine individuelle Umwelt, ist so komplex, dass wir weit davon entfernt sind, diesen zu durchschauen. Nach den drei epigenetischen Prägephasen ändert sich kaum mehr etwas an unserer Einstellung zu Gott. Deshalb ist es sinnlos, überzeugte Atheisten oder tief religiöse Menschen in die eine oder andere Richtung missionieren zu wollen. Viel Blut ist dafür schon völlig sinnlos vergossen worden.
Gibt es eine die eine wahre Religion oder geht es nicht in allen um das Gleiche?
Religiöse Menschen gehen wohl davon aus, dass sie nach dem Tod vor ihren Gott treten. Nehmen wir einmal für einen Augenblick an, dass zumindest die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam jeweils den für sie richtigen Gott verehren. Erwarten wir dann, dass sich alle Verstorbenen in einer großen Eingangshalle mit Pfeilen, die die Richtungen zu den drei Religionen weisen, wiederfinden? Und wenn ein Christ seinem Pfeil folgt, dann kommt eine weitere Unterteilung in katholisch, orthodox und protestantisch. Und als Katholik landet er wieder vor einer Weggabelung, die in den römisch-katholischen, in den altkatholischen und in den armenisch-apostolischen Glauben trennt? Und bei den Moslems erfolgt ebenfalls eine Verteilung nach Schiiten und Sunniten und dann weiter nach Wahhabiten, Salafisten? Und wo landen die Buddhisten, die Hinduisten oder die australischen Aborigines, die seit 40.000 Jahren an die Ahnengeister wie die Regenbogenschlange oder das Große Känguru glauben?
Die Vorstellung an diesen Wartesaal vor dem Eingang zum richtigen Gott ist absurd. Wenn, kann es wohl nur einen Gott geben. Was aber, wenn tatsächlich nur eine Religion den einzig wahren Gott verehrt und alle anderen tote Götzen anbeten? Wird dieser Gott dann nur jene annehmen, die der einen richtigen Religion angehören und alle anderen in die ewige Verdammnis schicken? Dann müsste in der Hölle ein ziemliches Gedränge herrschen. Das kann wohl kaum die Absicht eines barmherzigen Gottes oder eines allwissenden Weltenbaumeister sein. Wie dessen Bauplan für das Universum und den Menschen aussieht, das könne wir nicht einmal erahnen.

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