Wer fürchtet sich vor der Schulautonomie?

27. Oktober 2016

Bei den grundsätzlichen Zielformulierungen zur Schulautonomie haben sich die Reformer in der Bundesregierung, Bildungsministerin Sonja Hammerschmid und Staatssekretär Harald Mahrer, offenbar durchgesetzt. Das ist als großer Schritt in die richtige Richtung anzuerkennen.

Entscheidend werden jedoch nicht Absichtserklärungen, sondern die konkreten Gesetzestexte sein. Denn dort, wo es um tatsächliche Veränderungen im System geht, klingen die Formulierungen teilweise noch mehrdeutig und die echten Tabus werden oft ausgespart. Es ist wichtig, dass sich Direktoren in Zukunft zumindest neue Lehrer aussuchen können, aber davon, dass sie sich auch von Lehrern trennen können, findet sich im Papier entgegen allen Ankündigungen kein Wort. Die jede Kreativität tötende 50-Minuten-Stunde darf zwar endlich aufgelöst werden, aber nur, wenn die Personalvertretung zustimmt.

An einem Tabu wird in dem Papier dafür mutig gerüttelt: der Abkehr von der verpflichtenden Klassenschülerhöchstzahl. Auch wenn Lehrer-, Eltern- und Schülervertreter noch so heftig protestieren, sind die Fakten eindeutig. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hat in der größten weltweiten Bildungsstudie 138 Faktoren für erfolgreiche Schulsysteme ermittelt. Die Reduktion der Klassengröße kommt in der Hattie-Studie erst an 106. Stelle. Auch wissenschaftliche Studien in Österreich widerlegen den Mythos, dass die Reduktion von Klassenschülerhöchstzahlen auf 25 pädagogische Vorteile für die Schüler gebracht hat. Dafür wären Klassen mit maximal zwölf Schülern notwendig.

Die viel bejubelte Senkung der Klassenschülerhöchstzahlen hat dazu geführt, dass wir mittlerweile das zweitteuerste Schulsystem innerhalb der EU haben, die Leistungen aber bestenfalls mittelmäßig sind. Noch immer können 21 Prozent der Schüler nach neun Jahren Pflichtschule nicht sinnerfassend lesen. Es ist vollkommen richtig, den Direktoren in Zukunft mehr Flexibilität zu ermöglichen, indem sie z. B. Projekte mit kleineren Gruppen, dafür aber auch klassenübergreifende Projekte machen können. In dem Papier steht auch eindeutig, dass sich an der Ressourcenzuteilung für die Schulen nichts ändert.

Fazit: Mit der Autonomie in den Schulen ist es wie mit der Demokratie – ein bisschen funktioniert nicht.

Liebe Grüße

Andreas

Ummögliches zum Schulbeginn

7. September 2015 1 Kommentar

Kein Bildungssystem ist besser als die Summe seiner Lehrer. Wie wäre es mit einem Tabubruch: Die Leistungen der Lehrer werden bewertet, wie es auch bei Managern üblich ist.

Vor einigen Jahren schaltete eine Gruppe von Unternehmern in den USA ganzseitige Inserate mit folgendem Text: „Wählen Sie Amerikas schlechtesten Lehrer. Wir zahlen ihm sofort seine Pension, damit er nie wieder unterrichtet.“

Populistisch, menschenfeindlich, entwürdigend, mögen viele jetzt denken. Egal zu welchem Schluss Sie kommen, es gibt ein Land auf der Welt, das viel schlimmer mit seinen Lehrern umgeht. Es schickt sie alle vorzeitig in Pension, die Unfähigsten genauso wie die Besten. Nicht mit Privatgeld, sondern mit Steuergeld.

Wie der Rechnungshof aufgedeckt hat, gingen 95 Prozent aller österreichischen Landeslehrer von 2008 bis 2013 entweder mit der Hacklerregelung oder wegen Berufsunfähigkeit in die Frühpension. Ganze fünf Prozent erreichten das gesetzliche Pensionsalter von 65. Den einzelnen Lehrern ist kein Vorwurf zu machen. Ihnen allen wurde das gleiche Angebot gemacht: mit vollen Bezügen vorzeitig in Pension gehen oder noch sechs Jahre arbeiten, um dann wahrscheinlich weniger Pension zu erhalten. Es gab fünf Prozent „Heilige“, die Variante zwei gewählt haben.

FRÜHPENSIONIERUNGSIRRSINN

Zwei Milliarden Euro an Mehrkosten hat dieser Frühpensionierungsirrsinn gekostet. Zum Vergleich: Die dringend notwendigen Mittel für Sprachförderung im Kindergarten werden bis 2018 von 30 auf 90 Millionen Euro erhöht. Ich möchte aber auf einen anderen bisher völlig vernachlässigten Aspekt hinweisen. Unter den 95 Prozent Lehrern, die von diesem irrwitzigen System in die Frühpension geschickt wurden, waren die Besten und die Schlechtesten ihres Berufsstandes. Keine sehr intelligente Personalpolitik.

 Das derzeitige System ist Schülerbashing.

Daher ein Vorschlag für die Zukunft: Zunächst bewerten wir regelmäßig alle Lehrer, wie das mittlerweile in fast allen Berufen von der Supermarktkassiererin und Verkäuferin bis zur Universitätsprofessorin und Managerin üblich ist. Dann machen wir den Besten ein Angebot, sobald sie sich dem 60iger nähern: Wir wollen unbedingt, dass du so lange wie möglich Lehrer bleibst, daher zahlen wir dir für jedes zusätzliche Jahr einen Bonus und erhöhen deine Pension. Den schlechtesten fünf Prozent machen wir ein anderes Angebot: Entweder deine Leistungen steigern sich signifikant, oder wir kündigen dich.

Es gibt eine einfache Wahrheit. Kein Bildungssystem kann besser sein als die Summe seiner Lehrer. Dem folgt, dass wir alle ein großes Interesse daran haben müsste, die besten Lehrer mit Gold aufzuwiegen, die durchschnittlichen zu guten zu machen und sich von den schlechtesten fünf Prozent zu trennen. Das derzeitige System ist Schülerbashing.

Die Ökonomen Raj Chetty and John Friedman von der Harvard Universität und Jonah Rockoff von der Columbia Universität haben die Kosten schlechter Lehrer für Schüler errechnet. Würde man nur die fünf Prozent schlechtesten Lehrer kündigen und deren bisherigen Schüler durchschnittlichen Lehrern zuteilen, dann würde sich das Lebenseinkommen dieser Schüler zwischen 130.000 und 190.000 Dollar erhöhen.

 Kinder haben ein Recht auf exzellente Lehrer.

Eine Studie im US-Bundesstaat Tennessee untersuchte, wie sich die Leistungen von zwei durchschnittlichen achtjährigen Schülern innerhalb von drei Jahren entwickelt haben. Einer bekam einen besonders guten, der andere einen besonders schlechten Lehrer. Die Leistungen des Schülers mit dem exzellenten Lehrer waren nach drei Jahren um 50 Prozent besser als die des mit dem schlechten Lehrer.

GUTE UND SCHLECHTE LEHRER

Es geht um die Lehrer. Nicht ob sie Bundes- oder Landeslehrer sind, sondern ob sie gut oder schlecht sind. Das auf faire Art herauszufinden, könnte in diesem Herbst aktuell werden, so die Bundesregierung den Mut hat, das zu beschließen, was die von ihnen nominierten Experten vorgeschlagen haben: Direktoren wählen ihre Lehrer selbst aus und sind für deren Fortbildung verantwortlich. Sie werden nur noch auf fünf Jahre bestellt und an der Erfüllung der Leistungsvereinbarung ihrer Schule durch regelmäßige Schul-Audits bewertet. Das wäre ein Tabubruch.

Am 17. November, dem von der Regierung genannten Präsentationstermin für die große Schulreform, wird sich zeigen, was von den ambitionierten Plänen tatsächlich beschlossen wird. Der Umsetzungszeitraum wurde vorsichtig mit zehn Jahren festgelegt. Solange werden Eltern sich nicht länger einreden lassen, dass ihr Kind untalentiert und unwillig ist. Ihre Kinder haben ein Recht auf exzellente Lehrer. Und exzellente Lehrer haben ein Recht darauf, nicht als „Hackler“ abgestempelt zu werden.

Fragen an das neue Schuljahr

4. Januar 2015 1 Kommentar

Der Jahresanfang bietet eine gute Gelegenheit Fragen an das neue Schuljahr zu stellen:

Glauben wir, dass in zehn Jahren noch immer ein Lehrer mit dem Rücken zu seinen Schülern vor einer Tafel stehen wird, um mit Kreide Formeln draufzuschreiben, die er dann wieder löscht, sobald die Tafel voll ist?

Glauben wir, dass es sich die Regierung angesichts immer knapperer Budgets noch lange  leisten können wird, mit einer aufgeblähten Schulverwaltungen ein System zu erhalten, das für immer weniger Schüler immer mehr Lehrer benötigt und trotzdem die Kosten der Eltern für Nachhilfestunden explodieren lässt? 

Glauben wir, dass im 21. Jahrhundert in Österreich eine Institution, deren Hauptzweck das Lernen ist, überleben kann, deren 124.000 Mitarbeiter nicht alle zumindest über einen eigenen Computer verfügen, in Teams arbeiten und sich ständig weiterbilden?

Glauben wir, dass wir mit der Belehrungsschule des 19. Jahrhunderts die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, wie immer heterogenere Schulklassen mit hohem Migrantenanteil und dem Anspruch individueller Talentförderung gerecht werden zu können?

Glauben wir, dass Österreich das einzige Land der Welt ist, in dem selbst eine einfache Veränderung wie die Einführung einer standardisierten Matura seit sieben Jahren zum unbezwingbaren Monsterprojekt werden muss?

Glauben wir, dass jede Schulreform in Österreich zum Religionskrieg ausarten muss?

Ich glaube das alles nicht. Und Sie? 

Eine Bildungsstrategie für die Zukunft – meine Vorschläge für den Vizekanzler

22. September 2014

Damit wir Weltklasse werden können, müssen wir dem Bildungsthema höchste nationale Priorität geben. Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass sein Talent maximal genutzt wird. Die notwenigen Mitteln sind in einem der reichsten Länder der Welt vorhanden. Folgende Weichenstellungen sind vorrangig:

1. Die besten Kindergärten und Volksschulen der Welt

Die Bildungs- und Gehirnforscher sind sich einig darüber, dass die Investition in kompetente frühkindliche Pädagogik jene Maßnahme ist, die den maximalen langfristigen Bildungsnutzen bringt. Das Fördern von Neugier und Lernfreude, das Lernen von sozialen Regeln, Konfliktfähigkeit, Sprachkompetenz und vieles mehr lassen sich in den Kindergärten mit einem geringen Aufwand wesentlich positiv beeinflussen. Österreich ist derzeit einziges Land in der EU, das seinen Kinderpädagoginnen eine universitäre Ausbildung verweigert. Kinderpädagoginnen und Volksschullehrerinnen gehörend zu den wichtigsten Berufen für die Zukunft unseres Landes und verlangen nach einer entsprechenden Aufwertung. Wenn wir einen nationalen Konsens darüber erreichen, die besten Kindergärten und Volksschulen zu schaffen, dann hätten wir in zehn Jahren eines der besten Schulsysteme der Welt.

2. Die gleichrangige Förderung von sozialen und kognitiven Kompetenzen

Die Talente der Schüler sollten in Zukunft vom Schuleintritt an regelmäßig systematisch erfasst und ständig weiterentwickelt werden. Die Definition von Talent umfasst gleichberechtigt kognitive, sportliche, künstlerische, emotionale und soziale Begabungen.  Eine deutliche Verbesserung beim  PISA Test,  der primär die kognitiven Begabungen erfasst, ist eine notwendige Pflichtaufgabe. Das erste Land der Welt, das es schafft, die sozialen und kreativen Kompetenzen seiner Schüler genauso gut zu erfassen und zu fördern wie die kognitiven Fähigkeiten, wird in Zukunft ganz vorne mitspielen.

3. Ein modernes Lehrerbild, das im Parlament beschlossen wird

Wir brauchen eine Totalreform des Lehrerdienstrechts, das auch in seiner neuen Form wesentliche Formen des Lernens, wie langfristige Projektarbeiten, Einzelcoaching von Schülern, die Betreuung von autonomen Lerngruppen, e-learning u. v. m. mit seinem strengen Werteinheitensystem gar nicht oder nur mit explodierenden Kosten leisten kann. Das System der Werteinheiten und die Abrechnung nach 50-Minuten Unterrichtstunden müssen ersatzlos abgeschafft werden. Es wird durch ein faires Jahresarbeitszeitmodell ersetzt.  Das bedeutet für die Lehrer nicht mehr klassische Unterrichtsstunden sondern eine Konzentration auf die Qualität des Lernens und auf die Beziehungsarbeit mit den Schülern.

4. Die Schulen erhalten die volle pädagogische Autonomie

Direktoren spielen eine entscheidende Rolle für die Qualität einer Schule. Den politischen Parteien muss daher ihr Einfluss bei der Bestellung von Schuldirektoren entzogen und an Expertenkommissionen abgegeben werden. Der Direktor hat einen wesentlichen Einfluss auf die Anstellung seiner Lehrer und kann völlig ungeeignete kündigen. Er verfügt über ein pädagogisches Budget, das er den Bedürfnissen seiner Schule entsprechend einsetzen kann. Er wird jeweils auf vier Jahre bestellt und an der Erfüllung der Bildungsstandards für seine Schule sowie an der Beurteilung durch die Schulpartner gemessen.

5. Ja zur echten Ganztagesschule

Fast alle guten Schulen auf der Welt sind echte Ganztagsschulen. Das trifft auf die teuersten Privatschulen in Großbritannien und den USA  genauso zu wie auf soziale Brennpunktschulen. Die Vorteile sind eindeutig: Die Zeiteinteilung zwischen klassischem Lehrvortrag, echtem Projektunterricht, Reisen und Exkursionen, selbstbestimmtem Lernen und Erholungs-, Essens- und Reflexionszeiten wird vom Lehrerteam in Absprache mit dem Direktor autonom festgelegt. Dadurch wird individuelles Eingehen auf jeden Schüler strukturell überhaupt erst möglich. Die Hausaufgaben fallen zum Großteil weg und für Schüler, Lehrer   u n d   Eltern endet die Schule im Normalfall um ca. 16.00 bis 17.00.

Fazit: Jede Schulreform von oben, die das Klassenzimmer nicht erreicht, ist sinnlos. Wir werden uns alle beim Thema Schule  in 10, 20 Jahren fragen lassen müssen, ob wir alles getan haben, was wir konnten, damit Österreich auch weiterhin zu den reichsten und sichersten Ländern der Welt gehört.  Die Fakten sind völlig klar.  Es gibt kein Konzeptdefizit. Es gibt ein Handlungsdefizit.

 

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Drei Fragen und drei Antworten zum Thema Schule:

27. Mai 2014 1 Kommentar

1. Warum tut sich Österreich so schwer mit Projekten wie den Bildungsstandards oder der Zentralmatura?

Antwort: Wissenschaftlich unabhängige Bildungsevaluierung ist Österreichs Schulpolitik traditionell wesensfremd. Daher wurde das von Frau BM Schmied geschaffene BIFIE  von Anfang in ein rot/schwarzes Korsett gezwungen. Als die ersten Bildungsstandards dann das politisch unerwünschte Ergebnis lieferten,  dass das Prestigeprojekt Neue Mittelschule schlechter als die Hauptschule abschneidet, wurde der Direktor des Instituts ausgetauscht, statt die Ursachen zu erforschen. Es darf daher nicht verwundern, dass ein Institut mit ca. 200 Mitarbeitern es trotz sechsjähriger Vorbereitungszeit nicht schafft, relativ einfache Projekte pannenfrei zu realisieren. BM Heinisch-Hosek hat jetzt erstmals Mut gezeigt, und ihre falsche Entscheidung bei PISA auszusteigen, was verheerende Folgen gehabt hätte, revidiert. Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen die Durchführung aller internationalen Vergleichen wie PISA, TIMMS sowie die Zentralmatura  von Universitätsinstituten durchführen zu lassen.  In der derzeitigen Verfassung kann man das BIFIE nur ersatzlos auflösen und das damit gewonnene Geld in unabhängige Bildungsevaluierung investieren.

2. Gibt es Beispiele von öffentlichen und privaten Schulen in Österreich, die ihren Schülern  Lernfreude und Leistung vermitteln können?

Antwort: Als Mitbegründer der „Sir Karl Popperschule“ freue ich mich natürlich, dass dort viele Elemente wie z. B. selbstbestimmtes Lernen in Labs, individuelle Lernziele  und Coaches für jeden Schüler, hochqualitative Lehrerfortbildung, Kooperationen mit Universitäten mittlerweile Standard sind. Die Popperschule ist eine öffentliche Schule und alle beschriebenen Elemente könnten auch an jeder anderen Schule umgesetzt werden. Natürlich spielen die internationalen Privatschulen wie die American International School und die Vienna International School in einer eigenen Liga was innere Schulentwicklung,  Lehrerauswahl, moderne Pädagogik und technische Ausstattung betrifft. Hier auch einige Beispiele österreichischer Schulen über die ich Gutes höre:  die VS Alterlaa oder die VS St. Raphael in Maria Enzersdort, das Gymnasium in der Wasagasse oder das BG Zehnergasse in Wiener Neustadt. Was alle exzellenten Schulen in Österreich gemeinsam haben, ist eine wertschätzende und leistungsorientierte Organisationskultur. Daher gehen dort Schüler und Lehrer gerne in die Schule.

3. Woran krankt unser Schulsystem?

Antwort: Die Wahrheit ist, dass Österreichs Schulsystem von den Leistungen der Vergangenheit zehrt, insbesondere dem dualen Ausbildungssystem und dem allgemein hohen Bildungs- und Wohlstandsniveau. Das deutliche bessere Abschneiden der AHS in Vergleichsstudien mit den HS oder NMS hat wenig mit einer besseren Pädagogik sondern vielmehr mit der Tatsache zu tun, dass man oft nur Kinder mit Einsern und Zweiter in die AHS lässt und das kognitive Ausgangsniveau daher deutlich höher ist. Alle Indikatoren zeigen in den letzten 15 Jahren nach unten, mit Ausnahme der Kosten. Einige Fakten über das mittlerweile drittteuerste Schulsystem der Welt:

  • Generation No Future: Nur fünf Prozent der Schüler aus Migrantenfamilien oder aus bildungsfernen Schichten schaffen es trotz der schlechten Voraussetzungen, gute Leistungen in der Schule zu erbringen.
  • Land der Nachhilfelehrer: Mehr als drei Viertel der Eltern werden nach Dienstschluss zum unfreiwilligen Nachhilfelehrer ihrer Kinder. Sie leisten laut einer AK-Studie gratis die Arbeit von 47.000 Vollzeitbeschäftigten. In der AHS Oberstufe geben Eltern 865 Euro jährlich pro Kind für Nachhilfe aus.
  • Die Kluft zwischen den guten und den schlechten Schulen ist in Österreich riesig: So beträgt der Unterschied zwischen zwei Schülern, die in einer Schule in günstigem oder ungünstigem Umfeld unterrichtet werden, über hundert PISA-Punkte. Das entspricht der Lernleistung von zweieinhalb Schuljahren! Damit zeigt sich umso mehr die Notwendigkeit, unsere Schulen mit Bildungsstandards vergleichbar zu machen, um an den schlechtesten Schulen auch entsprechende Konsequenzen ziehen zu können.

Wider besserem Wissen versucht die Politik in Österreich den Absturz unseres Bildungssystems schönzureden. Die Sozial- und Gesundheitskosten werden explodieren, weil man jeden fünften jungen Menschen in neun Jahren im Schulsystem völlig vernachlässigt, um ihn danach 60 Jahre erhalten zu müssen. Das ist ziemlich dumm. 

Warum ich kein Freund der Neuen Mittelschule bin

6. Februar 2014

Der Dreißigjährige Krieg um die Begriffe Leistung und Gerechtigkeit überlagert die Schuldiskussion in Österreich und erstickt jeden ernsthaften Reformversuch im Keim. Wie in allen Religionskriegen sind objektive Fakten irrelevant und die Standpunkte der Lager unverrückbar. Die ÖVP verteidigt nach wie vor die heile Welt, dass unsere Hauptschulen dem handwerklich talentierten Kind eine wunderbare Karriere als Facharbeiter oder gar Unternehmer eröffnet. Die SPÖ stellt die Gesamtschule als ein Paradies dar, in dem die individuellen Begabungen maximal gefördert werden.

Abweichende Meinungen innerhalb der SPÖ und der ÖVP vom jeweiligen Dogma werden als Ketzerei geahndet. Die Tatsache, dass es Schulsysteme wie in Skandinavien oder Kanada gibt, in denen Leistungsorientierung und Gerechtigkeit keine Widersprüche sind, wird hartnäckig ignoriert. Die verheerenden Folgen dieser ideologischen Selbstfesselung sind, dass unser Schulsystem heute leistungsfeindlich u n d sozial diskriminierend ist. Daran hat die Neue Mittelschule(NMS), wie ich befürchtet habe, nichts geändert. Dafür gibt es klare Gründe:

  1. Ein wesentlicher Grundpfeiler der NMS, jeweils ein AHS-Lehrer unterrichtet gemeinsam mit einem Hauptschullehrer die Hauptgegenstände, hat sich aufgrund der Standesinteressen und Kulturunterschiede als unrealisierbar erwiesen.
  2. Man hat Teamteaching zwar lauthals verkündet, ist aber vor der dafür notwendigen intensiven Ausbildung der Lehrer und der Investition in eine pädagogischen Reform zurückgeschreckt. Die Folge dieses Versäumnisses ist, dass es an ein und derselben NMS Gegenstände gibt, wo Teamteaching aufgrund der Fähigkeit der Lehrer sehr gut funktioniert, und solche, wo einer der beiden Lehrer Hausübungen korrigiert, während der andere weiter frontal unterrichtet.
  3. Die ÖVP hat in der letzten Periode zu Recht gefordert, dass die NMS unabhängig wissenschaftlich evaluiert werden muss, bevor sie zur Regelschule wird. Diese Position wurde dann ganz schnell für einen ideologischen Kompromiss geopfert: Die ÖVP rettet das Gymnasium und die SPÖ darf dafür so tun, als ob die NMS ein Schritt zur Gesamtschule wäre. In Wirklichkeit zementiert die NMS die frühe Trennung nach Herkunft ein.

Ich bin nicht gegen die NMS, sondern gegen zentral von oben verordnete Strukturreformen, die, wie die Hattie-Metastudie zeigt, keine Wirkung haben, weil sie das Klassenzimmer und die Kultur einer Schule nie erreichen. Alleine die Tatsache, dass in der NMS in jedem Hauptgegenstand zwei Lehrer unterrichten müssen, ist ein eklatanter Widerspruch zur Schulautonomie. Wenn man einer Schule eine ihrem sozialen Umfeld entsprechende höhere Anzahl von Lehrern zuteilt, wofür ich sehr bin, dann soll der Direktor entscheiden, ob diese mehr in die völlig vernachlässigte Beziehungsarbeit mit ihren Schülern investieren oder bestimmte Gegenstände intensiver unterrichten.

Völlige Chancengleichheit in einer Gesellschaft halte ich für eine Illusion, weil Kinder aus funktionierenden, gebildeten Familien immer einen Startvorteil haben werden. Das erreichbare Ziel, das sich ein Schulsystem setzen kann, lautet Chancengerechtigkeit. Dafür würde es reichen, ein Prinzip in unserer Verfassung zu verankern und es damit von jedem Bürger einklagbar zu machen: Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass seine Talente in der Schule maximal gefördert werden.

Zur Chancengerechtigkeit hat die NMS in ihrer derzeitigen Form leider nichts beigetragen. Die sehr bescheidenen Fortschritte, die man bei der Förderung von Kindern bildungsferner Schichten erreicht hat, stehen in keiner Relation zum Aufwand. Ein Beispiel: Im deklarierten Einwanderungsland Kanada sprechen die Kinder der Migranten nach dem Schulabschluss besser Englisch als die in Kanada geborenen Kinder. Davon sind wir in Österreich Lichtjahre entfernt. Kanada erreicht diese Spitzenleistung mit deutlich weniger Geld pro Kind als Österreich.

Ich werde mich daher auch in Zukunft nicht am „Dreißigjährigen Krieg“ um die Gesamtschule beteiligen, sondern für die entscheidenden Elemente jeder erfolgreichen Schulreform kämpfen, die dringend sind: Lehrerauswahl, Lehrerfortbildung, Unterrichtsqualität, unabhängige Direktoren und eine echte Schulautonomie.

Gesamtschuldebatte: Bitte endlich Fakten statt Religionskrieg

3. Februar 2014

Anstatt in unser Nachbarland zu schauen, streiten wir in Österreich sogar darüber, ob es flächendeckende Gesamtschulversuche in Regionen geben darf. In Deutschland existieren seit Jahrzehnten gemeinsame und differenzierte Schulsysteme parallel in den einzelnen Bundesländern. Die vielen deutschen Studien zeigen, dass die Gesamtschule weder den „Zusammenbruch des christlichen Abendlandes“ noch den „Himmel der Chancengerechtigkeit“ bringt, sondern dass es andere Faktoren sind, in denen sich die wenigen guten von den vielen mittelmäßigen bis schlechten Schulen unterscheiden. Hier eine umfassende Studie der Bertelsmann-Stiftung zu diesem Thema: Bertelsmann Studie

Ich werde mich daher auch in Zukunft nicht am „Dreißigjährigen Krieg“ um die Gesamtschule beteiligen, sondern für die entscheidenden Elemente jeder erfolgreichen Schulreform kämpfen: Lehrerauswahl, Lehrerfortbildung, Unterrichtsqualität, unabhängige Direktoren und eine echte Schulautonomie.

Wie wir uns trotz guter Vorsätze verändern – ob wir wollen oder nicht

4. Januar 2014 3 Kommentare

Warum daran auch die guten Vorsätze zu Neujahr nichts ändern, wurde auch 2014 wie jedes Jahr in fast allen Medien breitgetreten. Zusammengefasst: Wir scheitern so oft mit unseren guten Vorsätzen, weil unser Glaube, dass wir uns verändern wollen, unseren Willen, uns tatsächlich zu verändern, um ein Vielfaches übersteigt. Wie ein Gummiband werden wir von unseren guten Vorsätzen weg- und zur Selbstsabotage hingezogen. Oder einfacher formuliert leben wir gerne nach der Philosophie: „Als ich von den schlimmen Folgen des Trinkens las, gab ich sofort das Lesen auf.“

Für viel spannender halte ich die Suche nach den Ursachen, warum Menschen sich gar so schwer tun ihr Verhalten auch nur ein bisschen zum Positiven zu verändern. Das Problem ist, dass jene Antworten die uns die Wissenschaft liefert, meist so komplex sind, dass sie für die praktische Anwendung wenig hilfreich sind, und jene Rezepte, die uns Ratgeber und Lebenshilfe-Gurus anbieten, zwar sehr simpel in der Anwendung, aber bei eingeschaltetem „Bullshit Detektor“ schnell als wissenschaftlich unhaltbar identifizierbar sind.

Warum wir uns trotz innerem Schweinhund und Beharrungsvermögen im Laufe unseres Lebens weit stärker verändern als uns das selbst bewusst ist, entschlüsselt Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“. „Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.“ Da wir uns aber freiwillig kaum aus unserer Komfortzone herausbewegen hilft der Weltgeist, durch Krankheit, Jobverlust, Scheidung oder andere unerwartete äußere Einflüsse gerne ein bisschen nach, um uns auf die nächste Stufe zu schubsen. Und siehe da, auf einmal müssen wir liebgewonnene Gewohnheiten aufgeben, Risiken eingehen, Neues lernen. Wir verändern uns nicht weil wir uns das vornehmen oder wollen, sondern weil wir dazu gezwungen werden.

Regelmäßige Selbstreflexion macht unser Leben jeden Tag reicher

Es gibt teure Fitnessmaschinen, die unsere Muskeln durch Vibrationen trainieren, ohne dass wir uns dafür selbst quälen müssen. Die Maschine, die die täglich notwendige Reflexionsarbeit für uns leistet, ist leider noch nicht erfunden. Wenn wir diese Arbeit erst auf- und dann wegschieben, sind die Folgen genauso schlimm als bei der Vernachlässigung unseres Körpers. Es geht daher auch im neuen Jahr um die zwei Prozent, die wir jeden Tag verändern könnten. Wenn wir an den vielen Jahren, die hoffentlich noch vor uns liegen, nur zwei Prozent verändern, dann werden wir tausende Stunden in einer zusätzlichen Qualität erleben. Tausende Stunden lang die Chance, einen Menschen genauer anzuschauen, in einem Gespräch genauer hinzuhören, zu lachen, uns auf die sprudelnde Neugierde eines Kindes einzulassen, einen geliebten Menschen tief zu berühren und vor allem uns selbst näher zu kommen. Es geht nur um diese zwei Prozent, die uns ein anderes, ein reicheres Leben eröffnen könnte: Zeit des Zuhörens, Zeit des Verstehens – Zeit, zu lieben. Nicht der Mangel an Gelegenheiten ist der Hauptgrund, warum so viele Lebensträume einen stillen, fast unbemerkten Tod erleiden, sondern das Übermaß an guten Gründen, warum es nie der richtige Zeitpunkt ist, dem Ruf, es einmal zu wagen, nachzugeben. Die Frage „Was will ich wirklich? wäre ein mutiger Anfang.

Fazit: Am Beginn eines neuen Jahres ist es weitaus produktiver zurückzuschauen als große Pläne für die Zukunft zu entwerfen. Im Zentrum unserer Bilanz sollte jenes Subjekt stehen, das sich in der Vergangenheit sprunghafter und unkalkulierbarer verhalten hat, als wir es je erwartet hätten: Unsere eigene Persönlichkeit. Je genauer wir die Spuren deuten können, die unser bisheriges Leben hinterlassen haben, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir die nächste Stufe gut meistern anstatt zu stolpern.

Bildungsreform jetzt, schnell und einfach

6. Oktober 2013

„Ist das gut für die Schüler?“ ist die Zauberformel, die die richtige Richtung aufzeigt. Die Schule der Zukunft folgt dieser Frage. Warum schreiben wir nicht in unsere Verfassung den Satz: Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass seine Talente maximal gefördert werden. 

Fast alle Streitfragen der Parteien ließen sich leicht auflösen, wenn sich diese zuvor darauf einigen würden dieses Prinzip in die Verfassung zu schreiben. Drei Beispiele:

  • Ist es gut für Schüler, wenn ihnen auch am Nachmittag qualifizierte Lehrer an ihrer Schule zur Verfügung stehen, die mit ihnen lernen? Ja oder nein?
  • Ist es gut für Schüler, wenn sie täglich mit sechs bis sieben 50-Minuten-Einheiten  mit völlig unzusammenhängendem Stoff vollgestopft werden? Ja oder nein?
  • Ist es gut für Schüler, wenn sich ihre Lehrer, so wie Ärzte, regelmäßig fortbilden müssen um pädagogisch immer am neuesten Stand zu sein?

Vier Leitlinien für eine wirksame Bildungsreform, die Österreichs Schulen an die Spitze bringen – in den Leistungen ihrer Schüler und nicht in den Kosten:

1. Nationaler Grundkonsens: Alle 183 neugewählten Abgeordneten stimmen namentlich über eine von Experten ausgearbeitete Grundsatzreform unseres Bildungssystems ab, die sich ausschließlich an den Lebenschancen der Schüler und der Zukunftsfähigkeit unseres Landes orientiert.

2. Wissenschaftliche Fakten statt Standespolitik

Die große Metastudie von John Hattie dokumentiert einmal mehr, worauf wir uns konzentrieren sollten: Lehrerauswahl, Lehrerfortbildung, Unterrichtsqualität durch Feedback an die Lehrer und den Aufbau einer wertschätzenden Klimas zwischen Lehrern, Schüler und Eltern.

3. Lehrer wie Ärzte ausbilden statt wie Fließbandarbeiter behandeln

Neue Lehrer sollten hohe Anfangsgehälter und Aufstiegschancen erhalten, ihre gesamte Arbeitszeit an einem modernen Arbeitsplatz an der Schule leisten und regelmäßiges Feedback von ihrem Direktor bekommen.

4. Schulautonomie statt zentraler Lehrpläne

Für den Streit zwischen dem Bund und den Ländern um die Macht im Schulsystem gibt es eine Lösung: Geben wir den Schulen die volle pädagogische Autonomie und den Direktoren die Macht ihre Lehrer auszuwählen und auch zu kündigen. Die Leistung der Direktoren wird mit transparenten Bildungsstandards gemessen, die auch die Erreichung der Mindestziele der Schüler sicherstellen.

Die Zeiteinteilung zwischen klassischem Unterricht, Projektunterricht, Reisen und Exkursionen, selbstbestimmtem Lernen und Erholungszeiten wird vom Lehrerteam in Absprache mit dem Direktor autonom festgelegt. Das bedeutet den Abschied vom Gedanken, dass die Leistung eines Lehrers an der Anzahl der gehaltenen Stunden gemessen wird. Wir brauchen nicht mehr Unterricht, sondern besseres Lernen. Schüler lernen am besten von Lehrern, die sie mögen und von denen sie inspiriert werden. Schüler freuen sich nicht auf Gegenstände, sondern auf Menschen, die für sie Vorbilder sind. Lernen braucht Gemeinschaft. Lehrer erbringen die besten Leistungen in Teams. So einfach wäre das. 

Nachhaltigkeits-Pionier Werner Lampert über Vertrauen, Verantwortung und die Bedeutung der Bildung

18. April 2013 2 Kommentare

Liebe Blogger,

es war mir eine große Freude mit dem Nachhaltigkeits-Pionier Werner Lampert „Ja Natürlich“  (Rewe) und „Zurück zum Ursprung“ (Hofer) über Vertrauen, Verantwortung und die Bedeutung der Bildung zu diskutieren.

Was müssten Bildungseinrichtungen und Schulen tun, um Kinder und Jugendliche für mehr Verantwortungsbewusstsein und mehr Nachhaltigkeit zu begeistern?

Werner Lampert: Ich bemühe mich seit vielen Jahren um das Thema Nachhaltigkeit. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass wir keinen Schritt weiter kommen werden, wenn wir nicht beginnen uns zu bemühen die Themen Werte und Sozialkompetenz als Grundlage unseres Zusammenlebens zu betrachten. Wir müssen uns Fragen stellen: Wie wollen wir als Gesellschaft miteinander umgehen? Stichwort: Solidarität.

Ich möchte keinen Satz mehr über Nachhaltigkeit hören, solange wir gleichzeitig die Welt zugrunde richten, die jungen Leute aushungern, ihr Bildungssystem zerstören und ihnen einen Haufen ungelöster Probleme hinterlassen. Für mich ist der Bildungsaspekt in diesem Zusammenhang das Allerwichtigste.

Wenn wir nicht zu einer radikal solidarischen Gesellschaft werden, können wir auch nichts bewegen. Jeder der Verantwortung im Herzen trägt muss etwas dazu beitragen.

Andreas Salcher: Eines der Hauptprobleme im Bildungsbereich ist die fehlende Sozialkompetenz. Nicht nur in der Schule sondern im Grunde in der gesamten Gesellschaft. Schule an sich ist eines der sozial inkompetentesten Systeme. 80 Prozent aller Probleme, die es zwischen Lehrern untereinander oder zwischen Schülern und Lehrern gibt, begründen sich auf mangelnder Sozialkompetenz. Eben weil Sozialkompetenz in diesem System nie erlernt wurde. Soziale Konflikte zu lösen ist zwar nicht einfach, aber erlernbar.

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