Ein Lob der Arbeit

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In Zeiten der Cholera, wenn die Krise Arbeitsplätze frisst, Spanien und Griechenland mit einer erschreckenden Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent kämpfen, erleben längst verblichen geglaubte Rezepte eine Renaissance. Man müsse die vorhandene Arbeit eben besser verteilen, fordern jene, die gleichzeitig die wohl erworbenen Rechte bestimmter Berufsgruppen mit 53 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen, eisern verteidigen. Vor allem gestandene Gewerkschafter haben ihr biblisches Verständnis von Arbeit als „Strafe Gottes“ nie überwunden: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du in den Himmel der Pension eingehst.“ Dass für viele Menschen ihr Beruf etwas ist, dass ihnen Freude macht und ihrem Leben Sinn verleiht ist für sie schlicht unvorstellbar. Unterstützt werden sie dabei von Radioprogrammen, die den Montag als absoluten Leidenstag zelebrieren, weil er den Anfang einer langen Durststrecke bis zum Wochenende markiert.  „Warten auf Freitag!“, genannt auch das „Robinson-Crusoe-Syndrom“, erfasst immer mehr sinnentleerte Organisationen. Mit allen Tricks erkämpfen sich manche Menschen immer mehr Freizeit, um immer weniger freie Zeit zu haben. Die Freizeit wird zum Götzen. Lebt man so ein Leben der gleichförmigen Ereignislosigkeit, wird die Pension zum erträumten Paradies. Ich habe in meiner Studentenzeit als Ferienarbeiter bei der Post erlebt, wie dort fast jeder Beamter einen über Jahre hinausreichenden „Stundenfresser“ bis zur Pension hatte. Wie in einem guten Spionagefilm hätte man sie um vier Uhr früh aufwecken können und sie hätten nicht nur ihren Namen, sondern auch das exakte Datum ihres Pensionsantritts wiedergeben können. Bei manchen hatte ich den Eindruck, dass sie eigentlich von Geburt an davon träumten, in Pension zu gehen. Ihr heimlicher Berufswunsch war von Anfang an, Pensionist zu werden. Die Studien zur Lebenszufriedenheit zeigen nun ganz eindeutig, dass Menschen, die nicht ihr ganzes Lebens aktiv und bewusst gelebt haben, dazu leider auch in der Pension nicht fähig sind. Die einfache Wahrheit lautet: Wer nicht mit Freude arbeiten kann, kann auch seine freie Zeit nicht genießen. „Wer nicht genießt, ist ungenießbar“, singt Konstantin Wecker. Wenn wir nur unsere Zeit absitzen und diszipliniert unsere Aufgaben erfüllen, bleibt am Ende auch nur diese Pflichterfüllung übrig. Menschenwürdige Arbeit im 21. Jahrhundert ist nicht nur eine wirtschaftliche sondern auch eine humanistische Herausforderung. Das beginnt bei uns selbst. Wir sollten uns rechtzeitig fragen: Würden wir unseren Job auch machen, wenn wir nicht dafür bezahlt würden?  Was würden wir gerne tun, wenn wir finanziell völlig unabhängig wären? Kann man überhaupt in jeder Arbeit Freude finden, werden manche jetzt einwerfen? Ist das nicht nur wenigen Menschen in privilegierten Berufen möglich, die einfach das Glück hatten, dort zu landen, wo sie sich entfalten konnten? Kein Satz des Aktionskünstlers Joseph Beuys hat mehr Widerspruch ausgelöst als dieser: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Er hat damit natürlich nicht gemeint, dass jeder Mensch Malen, Schreiben, Fotografieren oder Tanzen als Beruf ausüben soll. Er wollte auf die Möglichkeit hinweisen, dass in jeder Tätigkeit ein Hauch von Kreativität, Fantasie und Großartigkeit steckt. Viele Menschen sind ständig um ihren Lebensunterhalt besorgt, aber selten um den Sinn in ihrem Leben. Diesen hat Viktor E. Frankl am dunkelsten Ort der Welt, im KZ entdeckt und uns danach gelehrt. Zwei Dinge seien es  die jedem einzelnen Dasein erst Sinn verleihen: Die Liebe zu einer anderen Person und der Dienst an einer Sache ermöglichen dem Menschen, in etwas aufzugehen, das größer ist als er selbst. Ob wir es wollen oder nicht, ein Leben ohne Liebe und ohne Arbeit kann kein gelungenes sein. Arbeit darf man dabei natürlich nicht nur auf Erwerbsarbeit reduzieren. Immer mehr Menschen denken nicht mehr in klassischen Karrieren, sondern wollen Sinn und Selbstbestimmung in ihrem Tun. Die gute Nachricht: Arbeit ist nicht knapp. Armut, Umweltbedrohung, Bildung usw.  – es gibt wahrlich genug zu tun. Vor allem sollten wir den menschlichen Fortschrittsgeist nie unterschätzen. Es geht nicht um eine Umverteilung der „Strafe Gottes“ sondern um eine Neubewertung von Arbeit.  Als ersten Schritt könnten wir den Kindergärtnerinnen und Altenpflegern jenen Stellenwert geben, den sie verdienen. Und wenn wir einen Bruchteil der Milliarden, die wir gerade in drei sinnlose Tunnel versenken in menschwürdige Arbeitsplätze für unsere Lehrer investieren würden, dann hätten viele lokale Bauunternehmer, Handwerker und Architekten sinnvolle Arbeit.

Das wäre die sinnvollste Sommerlochdebatte, die wir je hatten …

Wir werden den Sinn unseres Tuns immer wieder hinterfragen, aber manchmal auch einfach das erledigen, was ansteht oder von uns verlangt wird. Und wenn wir kurzzeitig völlig die Orientierung verlieren und in Gefahr geraten, von unseren so unterschiedlichen Gefühlen, Gedanken, kurzfristigen Gelüsten und langfristigen Zielen völlig zerrissen zu werden, können wir der stärksten Kraft in uns vertrauen und ihr die Kontrolle überlassen: der Liebe.

Zwei Antworten können wir finden, wenn wir am Sinn des Weiterlebens zweifeln, lehrt uns: „Jene Einmaligkeit und Einzigartigkeit, die jeden einzelnen Menschen auszeichnet und jedem einzelnen Dasein erst Sinn verleiht, kommt also sowohl in Bezug auf sein Werk oder eine schöpferische Leistung zur Geltung, als auch in Bezug auf einen anderen Menschen und dessen Liebe. Ein Mensch, der sich dieser Verantwortung bewusst geworden ist, die er gegenüber dem auf ihn wartenden Werk oder einem auf ihn wartenden liebenden Menschen hat, ein solcher Mensch wird nie imstande sein, sein Leben hinzuwerfen.“

2 Der Tanz um das Goldene Kalb Freizeit

Die eigene Arbeit verdammt man zur Strafe Gottes, die man so schnell wie möglich hinter sich zu bringen sucht, ohne zu merken, dass man damit wesentliche Teile seiner eigenen Lebenszeit verbrennt. Wer Montage hasst, sollte sich einmal einen Augenblick lang überlegen, dass ein Siebentel seines Lebens aus Montagen besteht. Und ein Siebentel seines Lebens einfach wegzuwerfen, ist wohl keine so gute Idee. Dabei könnte der Montag der wichtigste Tag der Woche sein und nicht der Feind des Menschen. Wer den Montag liebt, hat mehr vom Leben. Die „Sonntagsdepression“ überfällt umgekehrt vor allem Menschen, die genau dann, wenn die große Betriebsamkeit Pause hat, auf sich selbst zurückgeworfen werden  und Einsamkeit und Sinnlosigkeit ertragen müssen.

Gerade in den attraktivsten Branchen und Organisationen sehen Mitarbeiter  in dem was sie schaffen, mehr als einen Job.

Immer mehr Menschen denken nicht mehr in Karrieren, sondern wollen Sinn und Selbstbestimmung. Die gute Nachricht: Arbeit ist nicht knapp. Armut, Umweltbedrohung, Bildung usw.  – es gibt wahrlich genug zu tun. Daher sollten wir aufhören, mehr von den falschen Dingen zu tun. Es geht nicht um eine Umverteilung der „Strafe Gottes“ sondern um eine Neubewertung von Arbeit. „Geschäftstätigkeit, die nichts zum menschlichen Wohlergehen beiträgt, ist es nicht wert getan zu werden, unabhängig davon, wie viel Gewinn sie in kurzer Zeit abwirft.“sagt der Glücksforscher Mihály Csikszentmihályi.  Als ersten Schritt könnten wir den Kindergärtnerinnen und Altenpflegern jenen Stellenwert geben, den sie verdienen. Das wäre die sinnvollste Sommerlochdebatte, die wir je hatten …

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