Was wirklich im Koalitionspapier zur Bildung steht

5. Dezember 2017

Meine Rolle bei den Koalitionsverhandlungen war nicht, den beiden zukünftigen Regierungsparteien das Bildungsprogramm zu diktieren, sondern als externer Experte die ÖVP zu beraten. Dadurch konnte ich entscheidende Themen, für die ich seit Jahren kämpfe, gut einbringen:

  • Die Aufwertung und tertiäre Ausbildung der Elementarpädagoginnen, im ersten Schritt die Leiterinnen, später möglichst alle. Wenn nur diese eine Maßnahme verwirklicht werden würde, dann wäre das ein Meilenstein.
  • Ein klares Bekenntnis zum Ausbau der echten Ganztagsschule in der verschränkten Form ab der Mittelstufe.
  • Ein neues Pädagogen-Gesetz: Es soll massiv in hochqualitative Lehrerweiterbildung investiert werden. Diese wird in Zukunft verpflichtend für alle Lehrer in der unterrichtsfreien Zeit primär am Schulstandort durchgeführt werden. Wesentliche Elemente wie leistungsorientierte Bezahlung, Aufstiegsmöglichkeiten, Mitarbeitergespräche und zeitgemäße Arbeitsplätze sollen genau definiert werden.

Entgegen allen lautstarken Behauptungen wird keine der begonnenen Reformen abgedreht. Die Modellregionen in Vorarlberg und Tirol für die gemeinsame Schule, die Schulcluster, die flexiblen Klassenschülerzahlen und die modulare Oberstufe bleiben und werden zeitgerecht evaluiert. Die Autonomie wird nicht zurückgenommen, sondern sogar ausgebaut.

Ich bitte um Verständnis dafür, dass es ein großer Unterschied ist, ob man eine Schule wie z. B. die von mir mitbegründete Sir Karl Popper Schule herausragend machen oder ob man ein Schulsystem mit 6.000 Schulen zukunftsfähig machen will. Trotz aller sehr teuren Maßnahmen der vergangenen zehn Jahre wie der generellen Senkung der Klassenschülerhöchstzahlen oder der Einführung der Neuen Mittelschule mit zwei Lehrern in den Hauptgegenständen können 21 Prozent der 15-Jährigen nach neun Jahren Schule nicht sinnerfassend lesen und beherrschen die Grundrechnungsarten nicht. Diese jungen Menschen werden chancenlos ins Leben geworfen. Dieser Zustand ist inakzeptabel.

Viele der Maßnahmen der geplanten Qualitätskontrolle sind daher als Reaktion auf diesen Zustand zu sehen. Es soll sichergestellt werden, dass die einzelnen Bildungsstufen vom Kindergarten über die Volksschule bis zur Matura wieder verlässlich ihre Ziele erreichen. Die jetzt von einigen so heftig kritisierten Bildungsstandards gab es schon bisher, sie wurden bereits von BM Schmied unter großem Beifall eingeführt. Diese wurden aber zu spät angesetzt, nämlich in der 4. und in der 8. Schulstufe, wo man am Schulstandort nicht mehr sinnvoll reagieren konnte. Daher wird man sie jetzt in der 3. und 7. Schulstufe durchführen. Und es hat bisher keine Konsequenzen aus den Resultaten der Bildungsstandards gegeben. Es gibt nur wenige Länder in der OECD, wo die Schulen mit guten Schülerleistungen und jene mit schlechten so auseinanderklaffen wie in Österreich. Daher ist dringend der Aufbau eines Qualitätsmanagements notwendig, das es bei uns bisher nur auf dem Papier gibt.

Zum Thema Deutsch: Jedes zweite Kind in Wien spricht nicht mehr Deutsch als Umgangssprache. Es gibt in bestimmten Bezirksteilen Klassen, in denen 80 Prozent der Kinder de facto dem Unterricht nicht folgen können und die VS-Lehrerinnen völlig überfordert sind. Dementsprechend ist die Flucht der Bildungsschichten aus den öffentlichen Volksschulen: Bereits jedes 5. Kind in Wien geht in eine Privatschule. Wenn wir diesen Trend nicht stoppen, dann bekommen wir amerikanische Verhältnisse, wo alle Eltern, die es sich irgendwie leisten können, ihr Kind in eine Privatschule geben.

Mit der Wiedereinführung der Ziffernnoten ab der ersten Klasse Volksschule habe auch ich keine Freude. Regierungsverhandlungen verlangen eben Kompromisse. Die verbale Beurteilung bleibt aber weiter möglich und mit Noten bis zur entscheidenden vierten Klasse zu warten, war auch nicht optimal.

Aus meiner Sicht wird entscheidend sein, ob es das notwendige Geld für die Aufwertung der Elementarpädagogen geben und wer die Verantwortung als Bildungsminister oder Bildungsministerin übernehmen wird.